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Editorial


Liebe Leserinnen und Leser,

diese Website zu Klimaschutz und Klimawandel versteht sich als Plattform für Informationen. Sie hat keinen Alleinvertretungsanspruch, schließlich gibt es bereits etliche gute Websites mit unterschiedlichen Schwerpunkten für verschiedene Nutzergruppen (siehe Menüleiste „Adressen und Tipps“). Auf dieser Website sind „Meldungen“, Hintergrundberichte und eine monatliche „Klimachronik“ zu finden. Unter „Hintergrund“ werden wissenschaftliche Studien, Gesetze, Techniken oder Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Ab und zu wird es auch mal einen Kommentar zum politischen Geschehen geben, wenn mir etwas auf den Nägeln brennt.

Ich starte www.klimaseite.info ohne öffentliche oder private Zuschüsse, als Ein-Mann-Unternehmen sozusagen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auf Tagesaktualität. Deshalb ist auch kein aufwendiges Layout drin, die Seite ist bewusst schlicht gehalten. Weil Diskussionen moderiert werden müssen, verzichte ich auf eine Feedbackfunktion; Kritik, Zustimmung oder Lob nehme ich per Mail entgegen. Eingefleischte Klimawandelskeptiker oder -leugner dürften sich auf dieser Website kaum wiederfinden. Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Blättern, Stöbern und Lesen!    

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Im November 2021 hat der oekom Verlag mein Sachbuch „Deutschland in der Klimakrise - Was versäumt wurde und jetzt zu tun ist“ veröffentlicht (weitere Infos s. unten). Zur Optimierung des Layouts dieser Website und zur Finanzierung meiner journalistischen Arbeit läuft aktuell eine Spendenaktion auf www.ecocrowd.de.

Reinhardt Kleinöder

Januar 2023



Aktuelles

Temperaturrekorde

Der Deutsche Wetterdienst verzeichnet für Deutschland einen Temperaturanstieg  von 1,7 Grad Celsius seit dem Beginn systematischer Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Die Durchschnittstemperatur des Jahres 2022 betrug 10,5 Grad Celsius wie zuletzt 2018, während das langjährige Mittel 1961 bis 1990 noch bei 8,2 Grad lag: ein deutlicher Trend der Erwärmung. 

Klimaschutzziel 2022 verpasst

Obwohl der Energieverbrauch der Deutschen in 2022 insgesamt um rund 4,7 % zurückging und der Ökostromanteil am Stromverbrauch einen neuen Höchststand erreichte, stagierten die CO2-Emissionen bei rund 761 Mio. Tonnen anstatt gegenüber dem Vorjahr zu sinken. Der verstärkte Einsatz der kohlenstoffreichen Energieträger Öl und Kohle machte bei der CO2-Bilanz die erreichte Energieeinsparung  wieder zunichte. Auch der im Klimaschutz-gesetz festgelegte Höchstwert von 756 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten für Deutschland wurde verfehlt. Sorgenkinder sind und bleiben neben dem Energiesektor (Stichwort "Kohlever-stromung") vor allem der Verkehrs- und der Gebäudebereich, während Gewerbe und Industrie die Vorgabe erfüllten. 

Quelle: Pressemitteilung der Agora Energiewende vom 04.01.2023, www.agora-energiewende.de

Das ist unser Limit

Der bekannte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber schlägt als Maßnahme gegen die Erderwärmung vor, die maximal zulässigen CO2-Emissionen pro Bundesbürger auf ein Budget von 3 Jahrestonnen zu begrenzen und einen privaten Emissionshandel zu ermögli-chen.

Kommentar

Lützerath bleibt (idealerweise)

Es sollte wohl ein schlauer Deal werden, was Bund und Land NRW in Gestalt der grünen Minister Habeck und Neubaur mit den Bossen von RWE vor einiger Zeit vereinbarten: RWE darf nur noch die Hälfte der genehmigten Menge an Braunkohle im Tagebau Garzweiler II abbauen und steigt nicht erst 2038, sondern bereits 2030 aus der Kohleverstromung und dem Kohleabbau aus. Zwei RWE-Kraftwerks-blöcke in Neurath, deren Ende ursprünglich für 2022 vorgesehen war und dürfen im Gegenzug bis März 2024 weiterlaufen. Für den Abbau muss das bereits verlassene Dorf Lützerath weg, dafür können aber fünf andere Dörfer am Rande des Tagebaugebiets bleiben. Ein typischer Kompromiss zwischen Politik und Wirtschaft, nicht der erste und sicher auch nicht der letzte? Aber der Schuss ist nach hinten losgegangen. Die Grünen, denen diese Geschichte jetzt auf die Füße fällt, müssen einen Vertrauensverlust verbuchen, statt Punkte für die nächsten Wahlen zu machen. Lützerath füllte eine Woche die Schlagzeilen, geradezu lustvoll gingen die Kommentatoren der Frage nach, ob die Grünen hier nicht gegen ihre eigenen Prinzipien verstießen. Ex-Umweltminister Trittin von den Grünen hatte im „Spitzengespräch“ mit dem Spiegel keine Mühe, den Deal zu begründen, unter Hinweis auf das CO2, das so der Atmosphäre erspart bleibe und mit dem Wunsch, in den ostdeut-schen Braunkohlerevieren müsse 2030 ebenfalls Schluss sein (wo jedoch die Landesre-gierungen nicht mitziehen).
Die Klimaaktivisten, die sich auf Straßen festklebten und die Blockierer in Lützerath haben zweifellos den Finger in die Wunde gelegt. Sie waren verdammt nah dran an den Ursachen der Klimaerwärmung, viel näher kann man dem Problem kaum kommen. Und sie haben sich für unsere Zukunft den Arsch abgefroren. Die Polizei, die für Recht und Ordnung sorgen musste, ebenso.
Eins ist klar: diese Braunkohle, wie alle fossilen Energieträger weltweit, müsste in der Erde bleiben, sogar noch dringlicher als Erdöl, Erdgas und Steinkohle, weil bei der Braunkohle-Verstromung im Vergleich am meisten CO2 pro erzeugte kWh entsteht. Die Staatengemeinschaft weltweit muss sehr rasch runter von fossiler Energie, insbesondere von der Kohle, um das 1,5 Grad-Ziel noch zu schaffen.
Der RWE-Konzern verdient Geld mit dem Kohleabbau, weiß aber andererseits genau, dass die Zeit dieses Energieträgers zu Ende geht, nicht nur, weil die Bundesregierung das will, sondern aufgrund der Markt-mechanismen. Der CO2-Preis im EU-Zertifi-katehandel steigt stetig, die Kohleverstromung wird zusehends unwirtschaftlicher wird und RWE könnte die Kohle in einigen Jahren nicht mehr loswerden. Der Energiekonzern geht bereits Schritt für Schritt raus aus der Kohle und investiert dafür in erneuerbare Energien. Das ist ein wohlüberlegter Strategiewechsel und eine gute Investition in die Zukunft, da AnlegerInnen zunehmend die Finger von schmutzigen Aktien lassen und lieber grüne Aktien kaufen (Stichwort „Divestment“). Fossile Energieträger und daran beteiligte Unternehmen werden immer mehr zur Belas-tung für Investmentsfonds, nicht nur fürs Klima. Auch vor diesem Hintergrund ist der Braunkohleabbau nicht mehr tragbar, das Weiterbaggern über Lützerath hinaus falsch, weil das fossile Elend nur verlängert wird. Dieser Deal, im Dezember 2022 auch vom Bundestag abgesegnet, ist also letztlich aus mehreren Gründen mindestens fragwürdig. In der Frage, ob denn dieser Kohlestrom tatsächlich gebraucht wird, stehen Aussage gegen Aussage, ein Gutachten (DIW, Uni Flensburg u.a.) gegen das andere (Land NRW). Ist dieser Kohlestrom als Ersatz für den Strom aus Erdgas am Ende deshalb unverzichtbar, weil Deutschland ab April 2023 auch auf Atomstrom verzichtet? Wurde also Lützerath letztlich für den Atomausstieg geopfert? Immerhin ersetzen die beiden Kraftwerks-blöcke in Neurath mit ihrer Leistung von 1,2 GW in etwa ein Atomkraftwerk.
Ist Lützerath nur ein Symbol oder gar das „falsche Symbol“, wie Habeck verlautbarte? Symbole können erstaunliche Macht entfalten, das haben die Grünen wohl unterschätzt, müssten sie aber aus der eigenen Widerstands-geschichte eigentlich wissen. Ursprünglich wollten sie den Kohleausstieg 2030 für ganz Deutschland ja schon im Koalitionsvertrag für 2030 (statt erst 2038) fest verankern, aber da machten FDP und SPD nicht mit. „Idealer-weise“ passiere der Kohleausstieg bereits 2030, hieß es dann optimistisch. Das Drama von Lützerath begann also im Grunde mit dieser (oft zitierten und belächelten) Formulierung. Dass die Grünen im Nachhinein Pflöcke einrammen wollten, ist ihnen an der Stelle zwar gelungen, aber zu einem hohen Preis. Allerdings stehen alle Parteien in der Verant-wortung für einen raschen Ausstieg aus der Braunkohle und konsequenten Klimaschutz. Wir kommen nicht voran, wenn Klimaschutz weiter als Privatangelegenheit der Grünen behandelt wird. Und die dürfen  nicht länger Versorgungssicherheit über CO2-Minderung stellen. (rk, 16.01.2023)

Die 27. COP  - ein Flop?

Wie in den Jahren zuvor ruhten auch 2022 viele Hoffnungen auf der UN-Klimakonferenz in Sharm-El-Sheikh und den Delegierten, die aus fast 200 Ländern weltweit anreisten. Die Süddeutsche Zeitung titelte über diese Mammut-Veranstaltung ebenso spöttisch wie treffend: „Der 27. Versuch, das Klima zu retten“. UN-Generalsekretär Guterres wähnte die Welt in seinem Grußwort bereits auf den „Highway zur Hölle“ und wählte drastische Wort, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. „Wir kämpfen den Kampf unseres Lebens – und sind dabei ihn zu verlieren“. Diese überaus passenden Worte zum Einstieg konnten aber nicht verhindern, dass die Konferenz wieder ablief, wie so oft. Aus den unterschiedlichen nationalen Interessen kristallisierte sich weder eine einheitliche Strategie heraus, den  weiteren Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre zu unterbinden und der menschengemachten Erderwärmung wirksam entgegenzutreten, noch war eine Priorisierung dieses Themas vor den dominanten wirtschaftlichen Profit-Interessen erkennbar. Viele Ländern planen nicht nur die weitere Förderung der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas, deren Verbrennung in Motoren, Heizkesseln und Turbinen weiteres Kohlendioxid freisetzen wird, sondern auch die Erschließung zusätzlicher Quellen und Felder. Die Alarmrufe gingen im Konferenzlärm unter.
Und in Deutschland, wo sich gerade viele Menschen mächtig über die Aktionen der „Klimakleber“ von   Gruppierung wie „Letzte Generation“ oder „Extinction Rebellion“ aufregen?  In rechtspopulistischer Manier ist da aus der Union von „Chaoten“, gar von einer „Klima-RAF“ die Rede. Im Freistaat Bayern werden 13 Klimaaktivisten nicht etwa nach einer strafbaren Aktion, sondern vorbeugend und präventiv in Haft genommen. Und so passt es ins Bild, dass ausgerechnet die CDU/CSU, die jahrzehntelang unter Vernachlässigung der Bahn die Straßen und Flughäfen ausbauen ließ, jetzt als Fürsprecher der wutschäumenden Autofahrer auftritt, die von den „Klima-klebern“ aufgehalten werden. Die perfekte Ablenkung vom eigenen Versagen in Sachen Klimaschutz. Während die Hauptsorge der Deutschen aktuell die „Klimakleber“ und die hohen Energiepreise zu sein scheinen, stand in Sharm-El-Sheikh nichts weniger als die Rettung des globalen Klimas auf dem Programm.
Der Ernst der Lage, auf den Fridays for Future und radikale Klimaaktivisten mit unterschiedlichen Mitteln hinweisen, ist bei vielen führenden Köpfen in der Politik allerdings noch nicht angekommen, wie die Signale aus Berlin, Moskau, Peking oder eben Sharm-El-Sheikh zeigen. Mit Erstaunen, ja Entsetzen musste man zur Kenntnis nehmen, dass sogar das vertraglich fest vereinbarte 1,5-Grad-Ziel (COP 21 in Paris im Jahr 2015) auf der COP 27 wieder zur Diskussion stand. Oder liegt die eigentliche Infamie im Festhalten an diesem (inzwischen nur noch theoretisch erreichbaren) Ziel, ohne zielführende Mittel bereit zu stellen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen? Denn diese Politik der leeren Versprechungen und Ankündig-ungen ist eine häufig geübte Praxis. Zwischen überwiegend anerkanntem Ziel und effektiven Klimaschutzmaßnahmen geht die Schere weit auseinander, zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt eine tiefe Kluft. Weder der Gipfel der Treibhausgas-Emissionen noch der Gipfel globalen Elends infolge des Treibhauseffekts scheint 2022 erreicht zu sein. Das ist die bittere Wahrheit: Es klafft eine erhebliche Lücke zwischen den Ziellinien der CO2-Reduzierung und realen Emissionen, wie vor kurzem der „Emissions Gap Report 2022“ des UN-Umweltprogramms (UNEP) prognos-tizierte. Und so bewegt sich die Welt leider gerade in Richtung plus 2,8 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts, aber die Weltbürger, denen nicht gerade das Haus abbrennt oder von einem Hurrikan vernichtet wird, scheinen andere Sorgen zu plagen. Und solange Politiker, die bisher in dieser Hinsicht nur durch Lippenbekenntnisse, also durch notorische Verantwortungslosigkeit gegenüber kommenden Generationen auffielen, von uns gewählt werden, wird sich wohl kaum etwas ändern. Wir haben aber - Demokratie sei Dank- die Wahl, die Chinesen und Russen eher nicht.
Was kam nun heraus in Sharm-El-Sheikh? Zumindest eine Abschlusserklärung, die den Aufbau eines Fonds für Klimaschäden vorsieht, der vor allem den ärmsten und besonders gefährdeten Ländern zugutekommen soll. Aber weder der Umfang des Fonds wurde festgelegt noch die Länder, die einzahlen sollen. Bis zur nächsten COP 28 in Dubai 2023 soll eine Kommission dazu Empfehlungen erarbeiten. Immerhin hatte das 1,5 -Grad-Ziel am Ende Bestand und wurde unterfüttert mir einem Zwischenziel: Bis 2030 sollen die Treibhausgase (THG) um 43 % gegenüber 2019 sinken. Nicht beschlossen wurde eine Priorisierung des Ausbaus erneuerbarer Energien gegenüber den fossilen. Die fossile Lobby erwies sich wieder mal als zu stark. Es reichte nur zum Bekenntnis zu einem „sauberen Energiemix“, worunter Energie-erzeugung mit geringen THG-Emissionen und aus Erneuerbaren Energien zu verstehen ist. Wer schon nach der COP26 in Glasgow das Ende des fossilen Zeitalters in greifbarer Nähe sah, wird wohl noch etwas warten müssen. Dabei ist der möglichst rasche Abschied von den fossilen Energien der Dreh- und Angelpunkt jeder Klimapolitik, die diesen Namen verdient. Die Erde steht bereits in Flammen und indem wir weiter Kohle, Erdgas und Erdöl verfeuern, verheizen wir unsere Zukunft auf einem lebenswerten Planeten. Die Delegierten auf der COP27 bestätigten zwar nochmal (wie in Glasgow) das Ziel, aus der Kohle auszusteigen, Öl und Erdgas fanden hingegen keine Erwähnung, obwohl das die EU, die USA und andere gefordert hatten. Deutschland hatte an der Stelle aber durchaus ein Glaubwürdigkeitsproblem, nachdem hierzulande Kohlekraftwerke reaktiviert werden und weiter Erdgas und Erdöl importiert werden soll.
Schon seit 2009, auch dies wurde bereits in Glasgow bekräftigt, wollten die Industrieländer jährlich 100 Mrd. US-Dollar in einen Fonds einzahlen, der ärmere Länder zu sauberer Energieerzeugung und Klimaanpassung befähigen sollte. Aber bisher blieb es bei Zusagen, die versprochenen Mittel sind größtenteils ausgeblieben. Bis Mitte letzten Jahres waren aus dem „Green Climate Fund“ lediglich 173 Projekte mit 8,4 Mrd. US-Dollar finanziert. Die COP27 äußerte sich nun zwar sehr besorgt ob dieser Tatsache. Konkretes, etwa, wer was bis wann nachzahlen muss, kam aber nicht heraus. Und die Mängelliste geht noch weiter: Zwar wurden die Staaten aufgefordert, ihre (größtenteils unzu-länglichen) Klimaschutzpläne bis zur COP28 nachzubessern, aber ohne feste Verpflichtung. Die EU wollte als Ziel aufgenommen haben, dass der Höchststand der THG -Emissionen bis 2025 erreicht werden muss (damit das 1,5 Grad-Ziel noch in Reichweite bleibt), blieb aber erfolglos.
Die vom 6. bis 18. November terminierte UN-Klimakonferenz ging nach Verlängerung am 20.11.2022 zu Ende: mit einem mageren Ergebnis. Ebenso wie viele Teilnehmer, Klimaaktivisten und Beobachter zeigte sich auch Generalssekretär Guterres mit dem Ergebnis am Ende unzufrieden. Es sei nicht gelungen die drastischen Emissionssenkungen auf den Weg zu bringen, die zur Eindämmung der Erderwärmung notwendig seien, so sein Fazit. (rk)

Quellen:
„Fonds für Klimaausgleichszahlungen beschlossen“, www.tageschau.de, 20.11.2022
„Das hat die Klimakonferenz (nicht) beschlossen“, www.tagesschau.de, 21.11.2022
„COP27 einigt sich aus Abschlusserklärung“, www.tagesschau.de, 20.11.2022
„Die Krux mit dem Klima“, Süddeutsche Zeitung, 25.10.2011
„The closing window. Emissions gap report 2022”, UN-Umweltprogramm (UNEP), Okt. 2022
„Die Rechnung, bitte!“, wochentaz, 01.12.2022


Attributionsforschung, wie Friederike Otto von der Universität Oxford sie betreibt, untersucht, ob ein Wettereignis mit einiger Wahrschein-lichkeit auf den Klimawandel zurückzuführen ist.  Die jüngste Hitzewelle in Großbritannien etwa, bei denen das Thermometer erstmal über 40 Grad Celsius stieg, wurde mit den Messreihen aus historischen Temperaturaufzeichnungen und mit Klimamodellen verglichen. Ergebnis: die Erderwärmung hat diese Hitzewelle mindestens um das Zehnfache wahrschein-licher gemacht. Schon 2020 hat der britische Wetterdienst Met Office ermittelt, dass Hitzewellen mit 40 Grad in Großbritannien aufgrund der Erderwärmung von aktuell 1,2 Grad im globalen Durchschnitt alle 100 bis 300 Jahre zu erwarten seien, ohne aber nur alle 1.000 -10.000 Jahre. In der Tendenz stimmen also beide Studien überein: Der Klimawandel macht Hitzewellen sehr viel wahrscheinlicher.


Nachrichten

Kohlendioxid einfangen und als Rohstoff nutzen ... siehe Hintergrund

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Droht Wasserknappheit? Wasser-management notwendig ... siehe Meldungen

Bauboom treibt Flächenfraß und Versiegelung weiter voran ... siehe Hintergrund

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Schneller Klimawandel

Die Weltwetterorganisation WMO warnt im Mai 2022, die 1,5-Grad-Grenze könne bereits bis 2026 erreicht sein, also schneller, als Wissenschaft und Politik bisher angenommen haben. In den kommenden vier Jahren liege die Wahrscheinlichkeit dafür bei fast 50 %. Zudem sei mit neuen Hitzerekorden zu rechnen.

Quelle: www.tagesschau.de, 10.05.2022 

Gletscherschwund

Durch Satellitenaufnahmen per Radar gelang es Forscher*innen, ein dreidimensionales Bild von Gletschern der Antarktis anzufertigen. Sie mussten dabei feststellen, dass die Gletscher Pope, Smith und Kohler deutlich schneller schmelzen, als bislang vermutet. Neben der atmosphärischen Erwärmung werden die ins Meer ragenden Gletscherzungen auch von warmem Tiefenwasser unterspült. Dies lässt Rückschlage auf die ebenfalls schmelzenden, aber weit mächtigeren Gletscher Thwaites und Pine-Island zu. Das Abschmelzen und Verschwinden dieser beiden Eisriesen in der Westantarktis mit über 350.000 km² Fläche würde einen Meeresspiegelanstieg von 1,20 m nach sich ziehen.

Quelle:
„Pope, Smith und Kohler schmelzen dahin", Benjamin von Brackel, Süddeutsche Zeitung, 21.02.2022

Kommentare

Klimaschädliches Fliegen
Kondensstreifen und CO2.pdf (216.86KB)
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Was macht Cem Özdemir?
Kranke Landwirtschaft_1.pdf (139.82KB)
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Wo bleibt das Klimageld?
Kommentar Klimageld.pdf (145.02KB)
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Kommentar zur UN Klimakonferenz
Die COP 26 in Glasgow.pdf (142.09KB)
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Die COP 26 in Glasgow.pdf (142.09KB)
Die Sache mit den Verboten
Nachlese zur Wahl.pdf (141.86KB)
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Ein paar Zahlen ...

Für 2022 prognostiziert das "Global Carbon Projekt", eine weltweite Kooperation von über 100 Wissenschaftlern, globale CO2-Emissionen in Höhe von etwa 40 Mrd. Tonnen, das sind bezogen auf die Erdbevölkerung von inzwischen 8 Mrd. Menschen 5 Tonnen CO2 pro Kopf. Die Deutschen emittieren allerdings mit etwa 11 Tonnen pro Kopf mehr als doppelt so viel.

1950 gaben die Deutschen etwa 50 % ihres Haushaltseinkommens für Nahrungsmittel aus, heute sind es weniger als 10 %.

Immer noch 76,4 % der in Deutschland genutzten Primärenergieträger sind fossilen Ursprungs (Erdöl, Erdgas, Steinkohle, Braunkohle).

Lächerliche 8 Cent Pfand bringt eine normale Mehrweg-Bierflasche ein. Dafür macht kaum ein Flaschensammler den Rücken krumm.

2019 wurden weltweit etwa 460 Mio. Tonnen Plastikmüll produziert, 353 Mio. t landeten im Müll. Nur 10 % der Plastikprodukte werden wiederverwertet, 22 % enden auf wilden Müll-halden oder in der Landschaft.

Konventionell in Deutschland angebaute Äpfel (bzw. die Apfelbäume) wurden 2020 in Durchschnitt 28,2 mal mit Pestiziden besprüht.

Das Schürfen von Bitcoin fraß im Jahr 2021 insgesamt 137 Terawattstunden Strom. Diese Menge entspricht 24 % des deutschen Brutto-stromverbrauchs im gleichen Jahr.

Weltweit dienen 47 Prozent der Getreideernte als Tierfutter, wandern also in die Futtertröge. In  Deutschland sind es sogar 58,2 % und hier werden nur 20,2 % zu Lebensmitteln (Brot) und 8,9 % zu Energie.

In Russland brannten im letzten Jahr (2021) 53.600 Quadratkilometer Waldfläche ab; weltweit die größte Fläche, die durch Waldbrände verloren ging.

Die Böden in Deutschland haben sich von der Trockenheit der Jahre 2018-2020 bis heute nicht erholt. Gleichzeitig gab es in diesen drei Jahren jeweils so viele Waldbrände, wie zuletzt im Hitzejahr 2003. Bis Mitte Juli 2022 ist im langjährigen Durchschnitt noch nie so viel Waldfläche verbrannt wie dieses Jahr.    

Im März waren auf deutschen Dächern und Grundstücken 2,2 Millionen Photovoltaik-anlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 58.400 Megawatt installiert, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Damit nahm die Zahl der Anlagen im Vergleich zum März des Vorjahres um 10,1 Prozent zu.

Eine von der Bundesregierung  beauftragte Studie ergab, dass der  Klimawandel Deutschland im Durchschnitt jährlich 6,6 Mrd. Euro kostet. Die letzten Jahre von 2018 bis 2021 schlugen mit rund 80 Mrd. Euro allerdings besonders stark zu Buche. Die trockenen und heißen Sommer 2018 und 2019 verursachten Ernteausfälle und Waldschäden in Höhe von 35 Mrd. Euro, die Sturzfluten und Überschwemmungen in 2021 (vor allem an Ahr und Erft) rund 40 Mrd. Euro. Dazu kamen 5 Mrd. Euro an Sturm- und Hagelschäden.

Der größte Windpark der Welt "Hornsea Project 2" mit 1.320 Megawatt Leistung und 165 Windturbinen (Siemens Gamesa) liegt in der Nordsee, etwa 90 km östlich der britischen Küste, vor Yorkshire. 

Naturschutzgebiete belegen in Deutschland nur 6,4 % der Landes- und Meeresfläche.

Aktuelles 

Die Weltnaturkonferenz in Montreal beschließt, 30 Prozent der Land- und Wasser-flächen bis zum Jahr 2030 unter Naturschutz zu stellen, den Pestizideinsatz zu halbieren und eine finanzielle Unterstützung von 20 Mrd. Dollar pro Jahr bis 2025 für arme Länder im globalen Süden bereitzustellen, wo insgesamt mehr Schutzgebiete und größere Artenvielfalt existieren. Das Ergebnis wird allgemein als Erfolg gewertet, auch von Bundesumwelt-ministerin Lemke, aber es scheint unklar, ob es ausreicht, das Artensterben zu stoppen. Zudem wurde kein einheitlicher Schutzstatus fest-gelegt. Deutschland hat das 30 %-Flächenziel mit seinen Natur- und Landschaftsschutz-gebieten bereits erreicht.

Kommentar

Verkehrswende? Nicht mit der FDP!

Verkehrsminister Wissing hat immer noch keine vernünftigen Maßnahmen vorgelegt, um den Auflagen des Klimaschutzgesetzes im Verkehrsbereich zu entsprechen, aus dem nun schon zwei Jahr in Folge (2021 und 2022) zu viel CO2-Emissionen kamen, sehr zum Ärger der Grünen. Stattdessen will Wissing jetzt das Gesetz ändern. Das ist schlicht ein Skandal. Ist eine Verkehrswende als wichtiger Anteil der Klimawende mit dieser FDP überhaupt zu machen? Die FDP präsentiert sich gern als Partei des Fortschritts und der Innovation, aber hat realiter keinen Plan um Deutschland auf Kurs zum 1,5 Grad Ziel bringen könnte oder auch nur zur Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben. Das Gerede von künftigen, klima-neutralen Treibstoffen ist wie das Warten auf bessere Zeiten, obwohl das Haus schon brennt. Es entbehrt jeder Logik, wenn in Deutschland mit seinem spitzenmäßigen Straßennetz auch hier den Ausbau beschleunigt werden soll, während reihenweise Brücken bröseln. Eine Verkehrswende bekommen wir nicht durch noch mehr Straßen, sondern durch einen Ausbaustopp und die Umschichtung dieser Gelder auf die Bahn (Personen und Güter), gute Busnetze auf dem Land und neue Fahrrad-Trassen. Schnell umsetzbare Maßnahmen wie ein Tempolimit auf Autobahnen passen nicht ins ideologische Schema der FDP. Lücken im Autobahnnetz? Das Bahnnetz ist eine einzige Lücke! Jetzt kommt es auf die SPD an und wie ernst die Kanzlerpartei es mit dem Klimaschutz meint. (rk, 28.01.2023)

Mehr Klimaktivimus in der Regierung - weniger aus der Straße
Klimaaktivismus -ein Prüfstein für den Rechtsstaat.pdf (154.53KB)
Mehr Klimaktivimus in der Regierung - weniger aus der Straße
Klimaaktivismus -ein Prüfstein für den Rechtsstaat.pdf (154.53KB)

Aktuelles

Aus für den Knebel-Vertrag

Das Bundeskabinett beschloss Ende November 2022 den Ausstieg aus dem Energiecharta-Vertrag von 1991 ("Energy Charter Treaty"), der es Energiekonzernen in der Vergangenheit wiederholt ermöglichte, Staaten wegen mißliebiger Entscheidungen vor Schiedsgerichten zu verklagen, um Schadensersatz einzufordern. So berief sich Vattenfall in seiner Klage gegen Deutschland in Sachen Atomausstieg 2011 auf diesen Vertrag.


Zu viel Tempo (1)

Laut dem Klimabericht der Weltwetter-organisation (WMO) und des Copernicus Climate Change Service der EU stiegen die Temperaturen in Europa zwischen 1991 und 2021 im Durchschnitt um 0,5 Grad Celsius pro Jahrzehnt an. Damit steigt in Europa die Mitteltemperatur schneller als auf den anderen Kontinenten.

Zu viel Tempo (2)

Die aktuellen Ergebnisse der jahrzehntelangen Messreihen („Keeling-Kurve“) des Mauna Loa Observatoriums auf Hawai sind alarmierend: Die globale CO2-Konzentration steigt in einem noch nie dagewesenen Tempo an.

Zu wenig Tempo

Der fünfköpfige Expertenrat für Klimafragen der Bundesregierung hat seinen Zweijahres-bericht vorgelegt. Ergebnis: Wenn in Deutsch-land weiterhin im selben Tempo Treibhausgase ausgestoßen werden wie bisher, sind die Klimaziele für 2030 nicht erreichbar. Dafür müssten jährlich doppelt so viel Treibhausgase wie im Schnitt der letzten zehn Jahren eingespart werden. Das bisherige Ausbautempo bei Solar- und Windkraft, Wärmepumpen oder der Elektromobilität reiche bei weitem nicht aus. Auch der Ausstieg aus den fossilen Ener-gien („Dekarbonisierung“) müssen schneller laufen. Das betreffe vor allem Öl- und Gasheizungen, Autos mit Benzin- und Diesel-motor. Die ExpertInnen halten einen Paradigmenwechsel für notwendig.

Quelle: www.expertenrat-klima.de

Bei Gebäuden und im Verkehr passiert zu wenig

Der Gebäudebereich und der Verkehrssektor verfehlten 2021 die nach dem Klimaschutz-gesetz vorgegebenen Minderungsziele für Treibhausgase. In beiden Sektoren wurde 2021 das zulässige Budget überzogen; bei Gebäuden um zwei Millionen und im Verkehrsbereich um 3,1 Millionen Tonnen CO2 äq. Die zuständigen Ministerien müssen zielführende Sofort-programme vorlegen.

Sechs Grafiken, die die Welt verändern (sollten), weil sie die globalen Treib-hausgasemissionen veranschaulichen      ... siehe Hintergrund

UNEP warnt: Statt 1,5 Grad könnten es 2,8 Grad plus werden!

Der „Emissions Gap Report 2022“ der UNEP, veröffentlicht am 27. Okt. 2022, kommt nach der Überprüfung von Klimaschutzprogrammen, bereits eingeleiteten Maßnahmen und politischen Ankündigungen einer Vielzahl von Staaten zu der Prognose, dass die Erder-wärmung bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 2,8 Grad ansteigen könnte. Derzeit befinde sich die Staatengemeinschaft nicht auf dem Weg zu dem in Paris 2015 vereinbarten 1,5 Grad-Ziel und das Zeit-Fenster schließe sich gerade. Die Zeit der kleinen Schrittchen sei vorbei. Nur eine grundlegende Transformation unserer Volkswirtschaften und Gesellschaften könne uns vor der Klimakatastrophe bewahren.

Aktuelles

Aus für neue Verbrenner ab 2035

Ende Juni 2022 schlossen sich die Umweltminister der EU-Staaten dem Vorschlag der EU-Kommission an, ab 2035 keine neuen PkW und leichten Nutzfahrzeuge mit Verbren-nungsmotor mehr zuzulassen, ausgenommen Verbrenner mit  E-Fuels. Diese Linie wird sich voraussichtlich im EU-Parlament bei den Beratungen im Herbst durchsetzen.

Aktuelles

Mehr und stärkere Wirbelstürme

Studien zeigen, dass die Häufigkeit und Intensität von Hurrikans in den letzten 40 Jahren zugenommen hat. Die Forschung führt dies auf die Erderwärmung mit steigenden Meerwassertemperaturen zurück. Die zer-störerische Wucht beim Auftreffen der Wirbelstürme an Land habe um etwa die Hälfte zugenommen.

Quelle:
„Hurrikanrisiko im Atlantik hat sich verdoppelt“, Der Spiegel online, 14.04.2022



IPCC-Bericht bezeichnet den Klimawandel als Gefahr für die Menschheit

Am 28. Februar 2022 erschien der zweite Teil des sechsten Berichts des Weltklimarats IPCC über die Folgen der Erderwärmung. Rund 300 Autoren haben dazu mehr als 10.000 wissenschaftliche Studien zusammengefasst mit folgenden Kernaussagen: Je stärker die globale Durchschnittstemperatur steigt, desto mehr Anpassungsmaßnahmen werden notwendig und desto höher sind die Risiken. Insofern ist die Eingrenzung des Anstiegs auf 1,5 Grad essentiell. Bereits bei 2 Grad plus sei es in den Tropen nicht mehr möglich, Grundnahrungsmittel zu erzeugen, ein Anstieg der Hitzetoten auch in unseren Breiten und die zunehmende Überflutung von Küstenregionen seien zu erwarten. Der Klimawandel stelle "eindeutig" eine Gefahr für die Menschheit dar, seine Risiken habe man bislang eher unter- als überschätzt.

Quelle: www.tagesschau.de, 28.02.2022

Kommentar

Fridays for Future fordern 100 Mrd. Euro für den Weg aus der Klimakrise

Wieder ein Lebenszeichen von Fridays for Future! Nein, keine Großdemo und das Fest-kleben an Autobahnzubringern überlassen sie ja auch lieber der „Letzten Generation“. Es war ein Interview mit Frontfrau Luisa Neubauer in der Tagesschau, bei dem sie im Namen der FFF-Bewegung von der Bundesregierung forderte, ein Sondervermögen von 100 Mrd. Euro für Klimaschutz und den Ausbau erneuerbarer Energien bereitzustellen, eine Menge Geld also, genau in der Höhe, die der Bundeskanzler der Bundeswehr nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zusagte.

Von der Sprecherin der Tagesschau kamen die fast schon erwartbaren Rückfragen. Etwa, ob Klimaschutz das sei, was die Leute gerade bewege. Ob neue Belastungen einen Sinn machen, wenn die Menschen Angst vor der nächsten Gasrechnung hätten. Ob bei Energieknappheit nicht jede Energiequelle angezapft werden müsse, auch Kohle und Atomkraft. Neubauer antwortete mit pro-fessioneller Freundlichkeit und mit einem Stakkato von Argumenten. Nach (gefühlt) zehn Minuten war alles vorbei und alle konnten wieder zur Tagesordnung übergehen. Auch die Medien. Macht Ex-Prinz Charles eine gute Figur nach seinem Amtsantritt als König? Hat die Ukraine neue Geländegewinne zu vermel-den?

Deutschland ist über zwei Jahrzehnte hinweg immer tiefer in die globale Klimakrise geschlittert. Ein Grund dafür ist genau die Vordergründigkeit des Umgangs mit dieser gesellschaftlichen Krise in unserem Land. Es waren nicht etwa die Klimaschützer, die Deutschland in eine gravierende Abhängigkeit von Erdöl und von russischem Erdgas geführt haben, sondern die letzten Bundes-regierungen mit Union, SPD und FDP an der Spitze. Reflexhaft und wenig weitsichtig sucht die aktuelle Bundesregierung, sprachlich oft als „Ampel“ verhunzt, neue Erdgasquellen, sei es im Senegal oder in Katar, treibt den Bau von vier Flüssiggasterminals voran, lässt Kohle-kraftwerke wieder ans Netz. Der fällige Ausstieg aus den fossilen Energien ist also aufgeschoben. Union und FDP fordern die Rückkehr zur Kernkraft, um die Grünen in die Enge zu treiben, blind für die Tatsache, dass wir in Deutschland eine Erdgaskrise haben und keine Stromkrise, dass viel zu viele Gaskessel (und Ölkessel) in den Kellern stehen, aber Deutschland seit Jahren stets mehr Strom exportiert als importiert. Den neuen, alten Atomkraftfans sei der Blick nach Frankreich empfohlen, wo der Atomstrom knapp wird, da viele marode AKWs jetzt mit enormen Summen modernisiert werden müssten. Momentan stehen dort 32 von 56 AKWs still. Tatsache ist auch, dass der Atomstrom aus neu gebauten AKWs schlicht zu teuer und nicht konkurrenzfähig ist zu Windstrom und Solar-strom aus Großanlagen. Ja, hohe Energiepreise fördern das Energiesparen und dienen so dem Klimaschutz, aber gleichzeitig sind soziale Härten für Mittel- und Geringverdiener zu vermeiden. Und speziell der Strompreis sollte natürlich nicht durch die Decke gehen, wenn eine weitreichende Elektrifizierung von Gebäudeheizungen und Verkehrsmitteln an-steht.     

Die Lösungen vieler Politiker in der Klimakrise erweisen sich als Schnellschuss und bloßes politisches Kalkül zur optimalen Selbst-darstellung. Schlimmer noch: Solche medien-getriebenen Debatten zeigen in ihrer Kurz-atmigkeit auch, dass landläufig die Dramatik und Reichweite der Klimakrise noch nicht begriffen wurde. So dürfte die Politik der falschen Kompromisse, der kurzfristigen Maßnahmen und der Förderungen nach dem Gießkannen-Prinzip mit hoher Wahrschein-lichkeit weitergehen. Von der Bundes-regierung aber ist sowohl beim Klimaschutz, also bei der Vorsorge, als auch bei der Anpassung an der Klimawandel mehr zu erwarten. Da muss mehr kommen. Nicht nur mehr Geld, wobei der begrüßenswerte Vorschlag von Fridays for Future nebenbei auch die Dimension der Klimakrise augenfällig macht. Notwendig ist darüber hinaus vor allem die konsequente Ausrichtung der Bundes-politik auf das 1,5-Grad-Ziel. Auch dies wäre durchaus als eine Frage der nationalen Sicherheit zu bezeichnen. Konsequenz bedeutet in diesem Zusammenhang etwa, dass ein ständiges „Klimakabinett“ neben der bereits laufenden Stromwende auch eine Wende bei der Wärmeversorgung, im Bauwesen (Naubau und Gebäudesanierung), sowie die fällige Agrar- und Verkehrswende ernsthaft angeht, also eine rasche Reduzierung der Treibhausgase auf allen Emissionssektoren betreibt. Wie die Zielverfehlung des Bau- und Verkehrssektors hinsichtlich des Klimaschutz-gesetzes jedoch zeigt, ist die Bundesregierung noch einigermaßen weit davon entfernt, alle Ministerien und Ressorts auf Klimaschutz auszurichten und zielführende gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen; also von der konsistenten und konzentrierten Klimapolitik, die für den deutschen Beitrag zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels unabdingbar ist. Die Mehr-heit der Bevölkerung und der Bundeskanzler haben gerade andere Sorgen? Mag sein, aber die nächste Klimakatastrophe a la Ahrtal, der schleichende Schwund des Grundwassers, die Hitzetoten in unseren Städten, die Missernten auf ausgetrockneten Ackerböden, das neue Waldsterben (samt Zunahme von Wald-bränden) wird den Klimaschutz in den nächsten Jahren immer wieder ganz vorne auf die Agenda setzen. An der Klimafront sind bislang nur geringe Geländegewinne zu verzeichnen.


Das Zitat

"Wir zahlen jetzt den Preis für die verschleppte Energiewende."
Claudia Kemfert (DIW)
zitiert in der SZ vom 1. Juli 2022

In den Städten  wird es "weniger Parkplätze geben, weniger Kaufhäuser, weniger Straßenraum, weniger Büroburgen. Unsere Städte müssen zugleich dichter besiedelte und grüner, menschen-freundlichere Städte ein."
Gerd Matzig, SZ vom 13.01.2023

Kommentar

Spezialdiszplin Kröten schlucken?
Der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir will für ein Jahr die EU-Regelung aussetzen, nach der 4 Prozent der land-wirtschaftlichen Fläche naturnah für den Artenschutz umgewandelt müssen; ebenso die EU-Vorgabe des einjährigen Fruchtwechsels. Damit die konventionelle Landwirtschaft 2023 mehr produzieren kann. Der BUND weist allerdings zu Recht darauf hin, dass höhere Erträge für die Nahrungsmittelproduktion auch durch Umwidmung von Anbauflächen für Futtermittel zu erreichen wären. Ein weiteres Jahr Intensivlandwirtschaft, die auf Dünger und Pestizide baut, den Humusaufbau im Boden (CO2-Speicher!) hingegen verhindert und den Artenschutz blockiert? Die Grünen müssen derzeit viele Kröten schlucken, vielleicht auch noch das Weiterlaufen von verbliebenen AKWs. Das wirft Fragen auf: Müssen Sie das wirklich? Müssen für die Anlieferung des klimaschädigenden Flüssig-gases wirklich vier Terminals in der Nordsee gebaut werden, die zur Refinanzierung Jahrzehnte in Betrieb sein werden? Ist das nicht die Art von falschen Kompromissen, die wir so oder ähnlich seit Jahren erleben zu Lasten von Natur- und Klimaschutz? Und müssten man beim Schlucken ekliger Kröten nicht wenigstens laut und deutlich die zugehörigen Würgegeräusche zu vernehmen sein? (rk)

Aktuelles

Wüsten breiten sich weiter aus
Laut dem "Global Land Outlook" der Vereinten Nationen sind 20 bis 40 Prozent der Böden weltweit geschädigt und verlieren ihre Funktion ("Degradation"). Dabei werden Wälder zu Steppen und Grasflächen zu Wüsten.

Die Abhängigkeit von Russland sinkt
Die Bundesregierung hat es in den letzten vier Monaten geschafft, den Importanteil an fossilen Energieträgern aus Russland zu gegen-über Ende 2021 senken: bei Erdgas von 55 % auf 35 %, bei Erdöl von 35 % auf 12 % und bei Steinkohle von 50 % auf 8 %.
Quelle: "Nichts wie raus", Die Zeit, 05.05.2022


Solarpflicht in BaWü
Im Rahmen der Solaroffensive von Baden-Württemberg besteht bereits seit Jahresbe-ginn die Pflicht zum Bau von Photo-voltaikanlagen auf neuen Nichtwohn-gebäuden und größeren Parkplätzen. Seit Anfang Mai gilt die Photovoltaikpflicht für alle neuen Wohngebäude, ab Januar 2023 soll sie auch bei der Sanierung kompletter Dächer greifen.
Quelle: www.pv-magazine.de

Solarstrom boomt
Im März waren laut statistischem Bundesamt in Deutschland auf Dächern und Grundstücken 2,2 Millionen Photovoltaik-anlagen mit einer Peakleistung von insgesamt 58.400 Megawatt installiert. Damit nahm die Zahl der Anlagen im Vergleich zum März des Vorjahres um 10,1 Prozent und die installierte Leistung um 9,7 Prozent zu.

Aktuelles

Birgt Wissings Verkehrspolitik Sprengstoff für die Ampel? Können so die Klimaziele erreicht werden?  ...  siehe Hintergrund

Kommentar

Wissing verpasst Klimaschutzziele
Es war absehbar, dass der Verkehrssektor sein im Klimaschutzgesetz für 2021 festgelegtes Budget für Treibhausgas-emissionen überziehen würde. Es waren dann am Ende 3, 1 Mio. t CO2-Äquivalente zuviel. Verkehrsminister Wissing (FDP) musste deshalb ein „Sofortprogramm“ zum Füllen der Emissionslücke vorlegen. Dem wird sein magerer, dreiseitiger Maßnahmen-katalog vom 12. Juli 2022 jedoch überhaupt nicht gerecht. Er enthält wenig Neues, im Wesentlichen einen Ausbau des Home Office und eine Verpflichtung der Mineral-ölindustrie, mehr „klimaneutrale“ Kraft-stoffe einzusetzen. Altbekannt sind gute Vorsätze, wie die Förderung des ÖPNV, des Radverkehrs und der Elektromobilität durch Ausbau der Ladeinfrastruktur. Diese Maßnahmen wirken allerdings nur mittel-fristig und reichen auch nicht aus, das für 2030 festgelegte Maximalbudget einzu-halten. Kurzfristig wirken würden hingegen Tempolimits, die fehlen allerdings in der Liste, weil die FDP sie um jeden Preis vermeiden will. Das Verkehrsministerium ist also längst noch nicht auf Klimaschutz-Kurs. Im Juli begann ein „Expertenrat Klimaschutz in der Mobilität“ seine beratende Tätigkeit für das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV). Vielleicht bringt der ja die Erleuchtung.  (rk)

Aktuelles

Wie in anderen Bundesländern herrschte diesen Sommer auch in Bayern auffällige Trockenheit und Dürre, was sich auch am Grundwasser zeigt. Über 70 % der Grund-wasser-Messstellen zeigen niedrige oder sehr niedrige Wasser-stände. Nun zeichnet sich ab, dass in Bayern auf Dauer weniger Grundwasser zur Verfügung stehen wird. In den Jahren seit 2003 hat sich durchschnittlich 16 % weniger Grundwasser neu gebildet,  als im langjährigen Mittel vorher.

Die EU reformiert den Emissionshandel
Seit 17 Jahren müssen bestimmte Unternehmen in der EU -etwa Kraftwerke, Stahlhütten oder Zementfabriken- über das europäische Emissionshandelssystem EU-ETS Verschmutzungsrechte bzw. Zertifikate für ihre CO2-Emissisonen kaufen. Europaparlament und EU-Ministerrat haben sich nun darauf geeinigt, deren Anzahl schneller zu verknappen, um den Firmen einen höheren Anreiz zu geben, weniger Kohlendioxid auszustoßen. Auch Sprit und Kraftstoffe wie Erdgas und Heizöl sollen nun -wie in Deutschland bereits der Fall- von diesem System erfasst werden. Weil dieser Schritt Mobilität und Wärme verteuert, ist er von mit einem Sozialfonds von rund 87 Mrd. Euro flankiert, damit Belastungen für Haushalte abgefangen werden. Neben der Verringerung von Zertifikaten sollen kostenlose Zuteilungen von Verschmutzungsrechten, die manche Branchen bekommen, schrittweise auslaufen und ab 2034 sollen sie - bis auf wenige Ausnahmen - ganz wegfallen. Künftig wird der Schiffsverkehr und möglicherweise auch die Müllverbrennung miteinbezogen. Damit europäische Unternehmen weiter im internationalen Wettbewerb bestehen können, will die EU eine neue Regelung einführen: Außereuropäische Produzenten müssen eine CO2-Abgabe („Klimazoll“) zahlen, wenn sie Produkte wie Stahl, Zement oder Aluminium in die EU bringen wollen. Gleichzeitig sollen die EU-Regierungen Exportbranchen künftig stärker beim Umstieg auf „grüne“ Techno-logien fördern.
Quelle:
„Preis der Verschmutzung“, Bauchmüller/Busse/Finke, Süddeutsche Zeitung, 20.12.2022

Meeresspiegel
US-Behörden haben den Meeresspiegelanstieg an den Landesküsten aufgrund der Erderwärmung bis Mitte des Jahrhunderts berechnet. Bis 2050 ist demnach ein Anstieg von durchschnittlich 25 cm bis 30 cm zu erwarten, der an der Ostküste bis zu 45 cm betragen kann. Hurrikane werden mehr Wasser vor sich herschieben, große Über-schwemmungen gibt es dann wohl fünfmal häufiger. Schon heute muss New Orleans rund um die Uhr mit Deichen und Pumpen gesichert werden. Ob und wie das eigene Haus betroffen ist, kann jeder US-Bürger auf einer Website ermitteln, die ins Netz gestellt wurde. Ab Ende des Jahrhunderts kommt es noch dicker. Wenn der Klimawandel nicht begrenzt wird, sei dann ein Anstieg von über zwei Metern zu befürchten.
Quelle:
„30 Zentimeter bis 2050“, Benjamin von Brackel, Süddeutsche Zeitung, 17.02.2022


Nachrichten

"Bundesrechnungshof stellt deutscher Klimapolitik ein schlechtes Zeugnis aus" ...  siehe Hintergrund 


Weitere Informationen

"Wo steht die Windkraft heute? Der Kampf gegen und für Windmühlen"                           ... siehe Hintergrund

"Geothermie - das Wärmereservoir zu unseren Füßen"  ... siehe Meldungen



Pressemitteilung 

des oekom Verlags

"Deutschland in der Klimakrise"
Pressemitteilung.pdf (164.2KB)
"Deutschland in der Klimakrise"
Pressemitteilung.pdf (164.2KB)


Was ist eigentlich unter der oft genannten „Klimakrise“ zu verstehen und wie könnte die „Klimawende“ aussehen? Diesen zentralen Fragen stellt sich mein im November 2021 erschienenes Sachbuch, aus-gehend von einer Analyse der deutschen Klimapolitik des letzten Jahrzehnts.

Reinhardt Kleinöder


 

Kapitel und Inhalt

Vorwort

  1. Worum geht es hier eigentlich?
  2. Wie funktioniert der Treibhauseffekt?
  3. Wir und der Rest der Welt
  4. Kipp-Elemente und Klimaänderungen
  5. Und dann kam Greta
  6. Das Klima und das Wetter
  7. Meeresspiegel, Gletscher, Eis und Permafrost
  8. Der Klimawandel – eine Gefahr für die Gesundheit
  9. Kleines Einmaleins der Energie
  10. Neustart bei der Energieversorgung
  11. Das Energiekonzept 2010 - ein Meilenstein?
  12. Missverständnisse um die Energiewende
  13. Landwirtschaft und Agrarpolitik
  14. Der Boden lebt
  15. Landnahme und Landnutzung
  16. Wälder und Forste als CO2-Senken
  17. Verkehrswende oder lieber doch nicht?
  18. Straße versus Schiene
  19. Vom Verbrennungs- zum Elektromotor
  20. Energie für Neu- und Altbauten
  21. Die erneuerbaren Energien und das EEG
  22. Woher kommt künftig der Strom?
  23. Der lange Weg zum Kohleausstieg
  24. Grundwasser, Seen und Flüsse im Klimawandel
  25. Die Sache mit der Nachhaltigkeit
  26. Städte und Kommunen – Treiber und Getriebene
  27. Wasserstoff – der Stoff, aus dem die Träume sind?
  28. Das fossile Zeitalter - am Ende?
  29. Keine Renaissance der Atomkraft
  30. Das deutsche Klimaschutzgesetz
  31. Wirtschaft, Wachstum, Kosten
  32. Kohlendioxid hat seinen Preis
  33. Letzte Hoffnung Climate Engineering?
  34. Vom Rohstoff zum Müll und zurück
  35. Mobilität, Freizeit, Ernährung
  36. Von der Energiewende zur Klimawende
  37. Klimakrise und Transformation
  38. Klimaschutz in Eigeninitiative (acht Vorschläge)

Chronik der Jahre 2010 - 2020
Ausgewählte Sachbücher
Quellen und Anmerkungen

 

280 Seiten, 5 Abb., 9 Tab., 28 Euro

ISBN 978-3-96238-353-4

Anfragen:

mail@klimaseite.info

Bestellung beim Verlag:

https://www.oekom.de/buch/deutschland-in-der-klimakrise-9783962383534

Buchbesprechung:

Buchbesprechung aus: Sonnenenergie 1/2022

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81667 München

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