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klimaseite.info, 12.04.2024

Auch wenn das die verbliebenen 20.000 Beschäftigten der Branche nicht gern hören wollen: Der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist der Schlüssel für Deutschland, die nationalen Klimaschutzziele für das Jahr 2030 zu erreichen, denn laut Umweltbundesamt macht die Kohlekraft 70 Prozent der CO2-Emissionen der Stromerzeugung aus. Zwar ist der Strom ist nur eine Energieform und Treibhausgase kommen aus mehreren Emissionssektoren, fossile Energieträger werden auch verbrannt in Motoren, Turbinen, Heizungen oder reinen Heizkraftwerken, aber an der Schlüsselstellung der Kohle ändert das nichts. Der hohe Emissionsanteil der Kohle ist auch insofern bemerkenswert, als Braunkohle und (importierte) Steinkohle in 2023 etwa ein Viertel zur gesamten Stromerzeugung beitrugen. Dieses ungünstige Verhältnis kommt nicht von ungefähr, denn die Energieerzeugung aus Stein- und erst recht aus Braunkohle führt zu sehr hohen CO2-Emissionen pro Kilowattstunde Strom, von den ebenfalls emittierten Luftschadstoffen gar nicht zu reden: Braunkohle: 1.137 g/kWh, Steinkohle 853 g/kWh gegenüber Erdgas 381 g/kWh. Die Verstromung von Braunkohle, von Greenpeace als der „schmutzigste Brennstoff der Welt“ bezeichnet, verursacht also fast dreimal so viel CO2 wie aus Erdgas. Zum Vergleich: Strom aus erneuerbaren Energien liegt bei den Emissionsfaktoren, ob aus Wasser-, Windkraft oder Photovoltaik, weit unter 100 g/kWh.

Gaskraft als das kleinere Übel

Darum wäre ein Ersatz von Kohlekraft- durch Gaskraftwerke mit einer nicht unerheblichen Einsparung an CO2 verbunden. 2018 war das letzte Jahr des Steinkohleabbaus in Deutschland, die Zechen wurden geschlossen. Wird 2030, wie von den Grünen gefordert, die Kohleverstromung eingestellt? Wann stehen die riesigen Schaufelbagger, die im Braunkohle-Tagebau enorme Löcher in die Landschaft reißen, still? Im Koalitionsvertrag hatten sich die drei Parteien der Ampelkoalition noch auf ein unverbindliches „idealerweise“ geeinigt, aber die Gesetzeslage fordert den Ausstieg erst mit Ablauf des Jahres 2038. Das Umweltbundesamt stellt jedoch unmissverständlich klar, dass der Kohleausstieg bis 2030 erforderlich ist, damit die Treibhausgase entsprechend dem Klimaschutzgesetz bis 2030 um 65 % reduziert werden können. In diesem Zusammenhang sind die Emissionen aus der Energieerzeugung zu halbieren. 

Aktuell ist jedoch auch klar, dass die erneuerbaren Energien (EE) die Lücke, die die Kohlekraft hinterlässt, nicht komplett schließen können, schon gar nicht bis 2030. Die Bundesregierung hat ein Ökostromziel von „nur“ 80 % vorgegeben und selbst das wird nicht leicht zu erreichen sein. Um den voraussichtlichen Strombedarf in sechs Jahren zu decken, der vermutlich um ein Drittel größer sein wird als die 450 Mrd. kWh von 2023, muss die Gasverstromung hochgefahren werden, zum einen zur Abdeckung der nötigen Strommengen, zu anderen zum Lastausgleich und zur Abdeckung der Nachfragespitzen im Süden. Denn gerade, wenn Stromspeicher fehlen und das Übertragungsnetz noch kräftig ausgebaut werden muss, geht es nicht nur um die bloße Strommenge. Gaskraftwerke können schneller hochgefahren werden und flexibler auf Engpässe reagieren als Kohlekraftwerke. Insofern drängt der Austausch der Reservekapazitäten gerade auf. Die Prognosen gehen allerdings auseinander, wie viele Gaskraftwerke mit welcher Leistung bis 2030 entstehen müssen. Das Energiewirtschaftliche Institut in Köln gibt 23 Gigawatt an, BDI Präsident Russwurm hält einen Zubau von 43 Gigawatt für notwendig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Marktdurchdringung wird wesentlich vom Preis für Erdgas und vom CO2-Preis im europäischen Zertifikatehandel abhängen.    

Ökostrom wichtiger als Kohlestrom

2022 hatte die Kohlekraft noch einen Anteil von 33,2 % an der Stromerzeugung, wurde aber bereits damals vom Strom aus erneuerbaren Quellen mit einem Anteil von 46,3 % überflügelt. Ein ähnliches Bild bot sich 2023, dem bisherigen Rekordjahr der Ökostromerzeugung, mit einem EE-Stromanteil von 56,0 %, während der Kohlestromanteil auf 26,1 % sank. Nach einer im Internet verfügbaren Liste das Umweltbundesamts sind momentan noch 68 reine Braun- und Steinkohlekraftwerke mit einer Bruttoleistung von 36,5 Gigawatt in Betrieb. Laut Kohleausstiegsgesetz von 2020 soll die Kohle-Kraftwerksleistung 2022 auf 30 GW und 2030 auf 17 GW reduziert werden, der Ausstieg ist allerdings erst für Ende 2038 vorgesehen.

Große Energieversorger orientieren sich bereits neu. EnBW will bis Ende 2028 aus der Kohleverstromung aussteigen und investiert verstärkt in EE, so wie RWE. Diese Investitionen tragen nicht zur CO2-Minderung bei, sondern versprechen auch wirtschaftlichen Ertrag. Eine Studie über Kohlekraftwerke in über 70 Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass 2.300 von 2.500 dieser Kraftwerke gewinnbringend ersetzt werden könnten, da Solarstrom und Windstrom fast überall günstiger zu produzieren sei. Auch für Deutschland wird bei der Investition von 120 Mrd. Euro für Photovoltaikanlagen, große Batteriespeicher und Windräder ein dickes Plus von 550 Mrd. Euro nach 30 Jahren prognostiziert. Mithin ist der Kohleausstieg aus der Sicht des Klimaschutzes und der Wirtschaftlichkeit geboten.  (rk) 

Quellen:

„Raus aus der Kohle – und dann?“, Nakissa Salavati, Süddeutsche Zeitung, 05.04.2024  

„Stromerzeugung 2023“, Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 087 vom 07.03.2024

„Entwicklung der spezifischen Treibhausgas-Emissionen des deutschen Strommix in den Jahren 1990 – 2022“, Climate Change, 20/2023, Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau, Mai 2023

„Erneuerbare Energien deckten 2023 erstmals mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs, Pressmitteilung, bdew.de, 18.12.2023

„Kohlekraftwerke ersetzen lohnt sich“, tagesschau.de, 30.11.2023

„Treibhausgasminderung um 70 Prozent bis 2020: So kann es gehen!“, Positionspapier des Umweltbundesamts, September 2021

klimaseite.info, 22.03.2024

Die Bilanz der Weltwetterorganisation WMO für 2023 beunruhigt. WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo rief anlässlich der Präsentation des Berichts die „Alarmstufe Rot“ aus. Zum einen wurde ein Anstieg der globalen, mittleren Oberflächentemperatur um 1,45 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau gemessen. Damit wurde letztes Jahr das untere Limit, das sich die UN- Klimakonferenz 2015 in Paris setze, fast erreicht, wobei sich dieses Ziel auf den langjährigen Durchschnitt, nicht auf ein einzelnes Jahr bezieht. Außerdem listet der „Klimazustandsbericht 2023“ eine ganze Reihe von Extremwetterlagen, klimabedingten Naturkatastrophen und einschneidenden Entwicklungen auf, die in dieser Häufung auffällig sind: In der Antarktis schmolz das Meereis um 1 Million Quadratkilometer ab, was mit der ebenfalls gestiegenen Temperatur der Ozeane korrespondiert. Da sich Wasser bei Erwärmung ausdehnt, stieg auch der Meeresspiegel. Die Alpengletscher verloren Eis in einem nie dagewesenen Ausmaß und es war mit Abstand das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Folge der Hitze und langanhaltenden Trockenheit waren Dürren, Ernteausfälle und Waldbrände. Manche Regionen litten wiederum unter zu viel Regen und weiträumigen Überschwemmungen. Erschwerend hinzu kamen Hurrikans, Zyklone und Wirbelstürme, die ebenfalls große Schäden verursachten. Gleichzeitig wurde weltweit noch nie so viel CO2 ausgestoßen, wie 2023, womit wir bei der Ursache des Klimawandels wären. Der Ausbau der erneuerbaren Energien erreichte zwar ebenfalls Rekordniveau, aber solange die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger nicht sinken, geht die Erderwärmung weiter. (rk)

Quelle:

„So extrem war das Klima 2023“, Benjamin von Brackel, Süddeutsche Zeitung, 20.03.2024   

klimaseite.info, 26.03.2024

Es erinnert ein wenig an die DDR-Nostalgie und ist rational ebenfalls nur schwer zu erklären: die Kernkraft-Nostalgie. Letztes Jahr, bevor die letzten drei deutschen Atomreaktoren vom Netz gingen, war das Unken vor einem Blackout und Stromengpass unüberhörbar. FDP, CSU und CDU wollten nicht von der gefährlichen Technik lassen. Rückblickend und angesichts der Tatsache, dass der gefürchtete Notstand ausblieb, wird jetzt fleißig gestreut, dass Deutschland dafür massenhaft Atomstrom importieren musste. Tatsächlich wurden 2023 erstmal seit 2002 mehr Strom importiert als exportiert, nämlich 9 Mrd. kWh (von insgesamt 510 Mrd. kWh Netzstrom insgesamt), aber im europäischen Strommix. Zur Hälfte stammten die Stromimporte aus erneuerbaren Quellen und nur zu einem Viertel Atomstrom. Ohnehin trugen die verbliebenen Reaktoren 2022 nur noch 6,4 Prozent zur Bruttostromerzeugung bei, 2023 nur noch 1,5 Prozent: ein nicht vernachlässigbarer, aber durchaus ersetzbarer Beitrag.

Angeschoben von Frankreich haben sich jüngst die europäischen Staaten zusammengefunden, die neue AKWs bauen wollen. Die Pro-Allianz wächst angesichts des fortschreitenden Klimawandels, verspricht die Kernkraft doch nahezu CO2-freien Strom. Allerdings kann man hier von Klimaneutralität nur reden, wenn die grauen Emissionen aus der Gewinnung und Aufbereitung von Uran, dem Bau der Reaktoren und der Herstellung der technischen Komponenten unterschlagen werden.          

Die Nostalgie kleidet sich in das Gewand der Innovation. Startups forschen fieberhaft nach neuen Reaktorkonzepten und scheitern reihenweise auf dem Weg vom Konzept über erste Prototypen zur Realisierung auf dem Markt. Aber nicht durchgängig. In Rumänien werden jetzt sechs kleine Nuklearreaktoren (Small Modular Reaktor SMR) gebaut. Sie sollen zeigen, dass ortsnahe Stromerzeugung aus Kernkraft mit diesen Typen machbar und ungefährlich ist. Der Bürgermeister ist euphorisch, die Einwohner reagieren eher skeptisch.  

Denn was die Befürworter einfach nicht sehen wollen: Kaum einer will einen Atomreaktor in seiner Nähe haben und für das Endlager gilt das Gleiche. Der zweite blinde Fleck bezieht auf die Gestehungskosten des Atomstroms. Aktuell ist das so ziemlich die teuerste Methode der Stromproduktion, wenn die AKWs neu gebaut werden. Aufgrund der hohen Sicherheitsstandards und langer Bauzeiten muss die Stromerzeugung teurer kommen als die von großen Photovoltaikanlagen oder Windkraft an Land. Neben der Unterscheidung, ob der Atomstrom aus alten und neuen Anlagen stammt, gibt es hier noch eine weitere Grauzone: die Folgekosten wie Umwelt-, Gesundheitsschäden und Entsorgung, die in Deutschland ja noch ungeklärt ist. Nach Angaben des Statistischen Bundesamt liegen die Folgekosten von Atomkraft im Vergleich zu anderen Energieträgern am höchsten.  

Und was die heiß diskutierten neuen Reaktorkonzepte angeht, hat das Bundesamt für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) in einer aktuellen Studie folgendes nüchternes Fazit gezogen: „In keinem der Länder ist ein Durchbruch abzusehen“. Jedenfalls nicht in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten. Auf die käme es aber an, wollte man dem Klimawandel mit Atomkraft wirksam begegnen. Wenn es länger dauert, kommt vielleicht schon der Fusionsreaktor ins Spiel und diese Technik verspricht Stromerzeugung ohne die Gefahr eines nuklearen GAUs und ohne Endlagersorgen. (rk)

Quellen:

„In keinem der Länder ist ein Durchbruch abzusehen“, Michael Bauchmüller, Süddeutsche Zeitung, 22.03.2024

„Analyse und Bewertung des Entwicklungsstands, der Sicherheit und des regulatorischen Rahmens für sogenannte neuartige Reaktorkonzepte“, Ökoinstitut. e.V., TU Berlin, Physikerbüro Bremen, Berlin März 2024

„Der Traum von den Mini-Akw“, tagesschau.de, 21.03.2024

„Eine Allianz für Kernkraft in Europa, tagesschau.de, 21.03.2024

Statistisches Bundesamt, statista.de

klimaseite.info, 24.01.2024

In der langen Reihe von inzwischen 28 UN-Klimaschutzkonferenzen gibt es leider wenig Highlights. Als solches zu benennen wäre die COP15 in Paris mit der gemeinsamen Zielsetzung, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius, maximal aber auf 2 Grad zu begrenzen. Die letzte Veranstaltung in dieser Reihe, die COP28 in Dubai, stand schon aufgrund der Präsidentschaft von Al Jaber, dem Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate und CEO eines großen Ölkonzerns, unter keinem guten Stern. Erschwerend hinzu kamen die Kriege in der Ukraine und Israel hinzu, die nach der Flaute während der Corona-Pandemie die Nachfrage nach Erdöl und Erdgas weltweit anheizten.

Obwohl längst klar ist, dass schnell Schluss sein muss mit der Förderung und Verbrennung fossiler Energieträger fuhren die großen Ölkonzerne letzte Jahr Milliardengewinne ein. Die Anteilseigner der fünf größten börsennotierten Ölunternehmen der Welt – BP, Shell, Chevron, ExxonMobil und TotalEnergies – können für 2023 mit 100 Milliarden US-Dollar (90 Milliarden Euro) Dividende rechnen. Das entspricht zufällig der den Entwicklungsländern schon lange zugesagten Summe an internationaler Hilfe für Klimaschäden. Nach Spiegel-Recherche haben sechzig Banken zwischen 2016 und 2022 mit rund 1,8 Billionen Dollar (umgerechnet rund 1,7 Billionen Euro) internationale Kohle-, Öl- und Gaskonzerne finanziert. Der überwiegende Teil davon waren Kredite zur Förderung fossiler Rohstoffe.

Während UN-Generalsekretär Antonio Guterres auf der COP28 die Vertreter von fast 200 Staaten wieder einmal beschwört („Wir kämpfen den Kampf unseres Lebens“), während die CO2-Konzentration in der Atmosphäre die neue Rekordhöhe von 420 ppm erreicht, entschwindet das 1,5-Grad-Ziel. Indes wollen viele Politiker und Bürger gerne glauben, die Welt hätte noch Zeit für den Ausstieg aus fossilen Energien, idealerweise bis Mitte des Jahrhunderts, aber davon kann natürlich gar keine Rede sein, Förderung und Verbrauch müssen sofort radikal heruntergefahren werden. Bei den 1,5 Grad Celsius als Maximum der Erderwärmung geht es um Jahre, nicht um Jahrzehnte. Aber auch die Deutschen setzen weiter auf die Fossilen, beim Kauf von Gasheizungen oder Autos mit Verbrennungsmotor. Und diese Neuanschaffungen werden rund 20 Jahre im Einsatz sein. Das wissen Förderländer, Investoren und Ölkonzerne. Diese Tatsache sichert den Absatz der fossilen Brennstoffe und Kraftstoffe auf lange Zeit. Und so musste schon als Erfolg verbucht werden, dass die COP28 erstmals in einem Abschluss-dokument der Weltklimakonferenz die grundsätzliche Abkehr von fossilen Energieträgern beschloss, wobei der Ausstieg nicht terminiert werden konnte.

Genau dagegen hatten sich nämlich 22 erdölexportierende Staaten noch während der Konferenz ausgesprochen. Vor dem Hintergrund des Marktgeschehens (siehe oben) darf ohnehin skeptisch sein, ob der Ausstieg in den nächsten 20 bis 30 Jahren gelingen kann, obwohl auf vielen Anwendungsfeldern alternative, fossilfreie Techniken zur Verfügung stehen. Wie erwähnt, begibt sich die Weltwirtschaft derzeit weiter in fossile Abhängigkeiten. Die Nachricht, dass die nächste UN-Klimaschutzkonferenz COP29 Ende des Jahres erneut von einem Ölförderland, nämlich Kasachstan, ausgerichtet wird, stimmt natürlich auch nicht gerade optimistisch.  (rk)

Quelle: Susanne Götze, SPIEGEL Klimabericht, 03.11.2023

klimaseite.info, 07.04.2023

Die mittlere Erderwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit beträgt laut dem jüngst veröffentlichten Synthesebericht des Weltklimarats IPCC 1,1 Grad. Die World Meteorogical Organization WMO gibt auf seiner Website eine Temperaturerhöhung von 1,14 Grad Celsius im 10-Jahres-Durchschnitt für den Zeitraum 2013-2022 gegenüber im Vergleich zur vorindustriellen Basislinie von 1850-1900 an. Beide Werte weisen ein Plus/Minus hinter dem Komma auf, aber wesentlicher als diese Unschärfe beim Anstieg der globalen Mitteltemperatur sind die großen Unterschiede zwischen den Ländern je nach Breitengrad. Während für Deutschland bereits plus 1,7 Grad Celsius zu Buche schlagen sind weiter nördlich bis zu plus drei Grad.

  • Nach derzeitigem Trend, mit den aktuellen Aktivitätsniveau der Staaten, ist laut Weltklimarat eine Erderwärmung von 3,2 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts zu erwarten.
  • Bereits bei 3 Grad Celsius Temperaturanstieg ist unter anderem eine Verdoppelung bis Verdreifachung der hitzebedingten Todesfälle in Europa zu befürchten.
  • Selbst wenn international alle Zusagen eingehalten würden (und danach schaut es nicht aus), muss man mit einer Erderwärmung von 2,5 Grad rechnen.  
  • Der Meeresspiegel steigt immer schneller; die Geschwindigkeit hat sich seit 1900 durch die Erderwärmung auf 3,7 mm pro Jahr verdreifacht.
  • Bereits bei 2 Grad Erderwärmung wird in Südeuropa ein Drittel der Bevölkerung von Trinkwasserknappheit betroffen sein. Auch die Landwirtschaft und Gartenbau wird darunter leiden.
  • Bei einem Temperaturanstieg über 3 Grad Celsius würden sich die Schäden durch Küstenüberflutung bis Ende des Jahrhunderts mindestens verzehnfachen.
  • Ökosysteme wie Regenwälder, Feuchtgebiete und Korallenriffe können sich vermutlich nicht schnell genug anpassen und drohen zu verschwinden. 

Das Gros der durchgerechneten Klimaszenarien ergibt eine mittlere Erderwärmung zwischen 1,8 und 3,9 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts. Das heißt, der Temperaturanstieg wird mit großer Wahrscheinlichkeit innerhalb dieser Spannen liegen. Heißt auch: Das 1,5 -Grad-Ziel von Paris kann wahrscheinlich nicht erreicht werden. Dafür müssten die globalen Treibhausgase schon bis 2030 um 45 % reduziert werden, bis 2035 um zwei Drittel bis zur Mitte des Jahrhunderts um 100 %. Das sind die Notwendigkeiten, über die Politik global und in Deutschland gerne hinwegsieht. Der IPCC moniert außerdem, dass immer noch mehr Geld in fossile Energie und fossile Infrastruktur fließt als in Klimaschutzmaßnahmen.

Der Weltklimarat wurde 1988 von der World Metereological Organization WMO und der UN-Umwelt-organisation UNEP gegründet, fasst regelmäßig die wissenschaftlichen Kenntnisse über den Klima-wandel in Berichten zusammen, die unter anderem auch als Grundlage für die UN-Klimakonferenzen dienen. Der nächste, der 7. Bericht Assessment Report wird in Teilberichten voraussichtlich ab 2027 erscheinen. (rk)

Quelle: „Bangen um das 1,5 Grad-Ziel“, Christoph von Eichhorn, Süddeutsche Zeitung, 21.03.2023